Rückblende: Waldcamp 2024 & Vorschau Waldcamp 2025
Unser diesjähriges Waldcamp fand vom achten bis fünfzehnten Juni 2024 statt, wie vergangenes Jahr im schönen Spessart. Unser Aufbauteam erreichte dort bereits am siebten Juni, teils spätnachts, den sternenbeschienen Campingplatz der Gemeinde Heigenbrücken.
Erinnerung
Wie einige von euch vielleicht wissen, sind ein paar von uns Draußen-Menschen und lieben es, inmitten der Natur ein Camp mit Dojo-Baldachin, Feldküche und Vorratskammer zu errichten. Zuhause in Halle saßen wir während der Pandemie lange im Wäldchen auf der Peißnitzinsel, um unsere gemeinsame Praxis aufrechterhalten zu können. Unsere Zazen Praxis bei Wind und Wetter, mit lauten und leisen Geräuschen der Stadt und Natur, die uns ständig aufmerksam und verbunden hielten, schuf 2020 die Idee des Waldcamps. Seitdem organisiert unser Dojo dieses naturnahe Sesshin. Die aufmerksamen Leser*innen unseres Blogs haben im Laufe der letzten Jahre vielleicht mitbekommen, wie unser Waldcamp 2022 durch einen Sturm im Harz, der unseren Platz der Jahre 2020 + 2021 verwüstete, ausfallen musste. Bereits 2023 hatten wir daher den Platz im Spessart ausgesucht, um unser Waldcamp wieder am Waldrand und im Schutz der Bäume stattfinden lassen zu können.
Im Bild: Unsere Gruppe des Waldcamps 2024, unter Leitung von Godo Brigitte Stark (mittig, links hinter knieender Person).
Der Aufbau
Wie im vergangenen Jahr fanden wir vor Ort in Heigenbrücken eine mittsommerliche Natur mit blühenden Holunderbüschen vor. Ein wacher Siebenschläfer gierte nach unseren Melonen und ließ sich nur schwerstens von den Schokoladenkeksen fern halten. Der Platz hatte tiefe Rinnen von den Regenfällen in der Woche vor unserem Camp. Auf der flachen Lichtung, umgeben von hellem Mischwald, schien beinahe so etwas wie ein kleiner Hexenkessel gewesen zu sein. Und das, obwohl wir es ja nicht mal mehr mit dem Harz zu tun hatten…
Wir verbrachten den Morgen des Aufbau- und Anreisetages am Samstag mit der Errichtung des Dojo-Zelts und der Einrichtung der Feldküche. Dies beinhaltete, schwere und lange Heringe in den Boden des Platzes zu schlagen, mehrstündige Wurfversuche eines tennisballbestückten Seils über die Gabel eines besonders stabilen Baums am Waldrand, diverse Knoten, Leiterkletterei und das Auslegen von Europaletten. Es beinhaltete auch, einen besonders schön verzweigten Ast in die überdachte Feldküche zu hängen, wo sich Tenzo Tobi eine kluge Aufteilung der Lagerung von Töpfen, Tiegeln, Küchengeschirr erdachte. Als am Nachmittag die ersten Teilnehmenden ankamen, waren die Vorbereitungen gut vorangeschritten, und durch weitere helfende Hände der Sangha aus Frankreich, Schweiz und Deutschland lagen unsere Aufbauarbeiten bald erfolgreich hinter uns.
Mit dem Abendessen und anschließendem Abend-Zazen begann das Sesshin in Heigenbrücken nun auch offiziell.
Pausenyoga im Dojo-Zelt
Was macht die Umgebung mit unserem Sesshin-Ablauf und unserer Praxis?
Unsere Erfahrung der Vorjahre lehrte uns, dass bei unserem Format Waldcamp ein hohes Maß an Wachheit gefördert und gefordert wird. Dafür verantwortlich sind nicht nur die erschwerten äußeren Bedingungen, sondern auch die Reize der natürlichen Umgebung. Bei gleichzeitiger Reizarmut - der Platz liegt sehr abgelegen in einer ohnehin schon ruhigen, ländlichen Gegend - ist der Wald um uns herum nie still. Wir hören Laub rascheln, Vögel singen, Schafe blöken, die Schäferhunde kläffen. Die Sonne wandert während unserer Zazen-Zeiten über uns hinweg, zwingt uns manchmal dazu, unseren Platz zu wechseln, um uns vor ihren Strahlen zu schützen. Die Temperaturen schwanken, wir Praktizierende tauchen mal mit Mützen und dicken Pullovern unter unseren Kolomos, mal mit Anti-Moskito-Spray und Sonnencreme im Dojo auf. Wir passen uns ständig der Umgebung an, bleiben wach für die Geräusche des Windes, den Wechsel des Wetters. Godo und Shuso behalten im Blick, wer besonders viel Sonne oder Wind abbekommt. Nach dem Zazen hören wir Gemurmel: Haben alle das Eichhörnchen gesehen? Ist bei euch auch eine Maus unter der Europalette vorbei gehuscht?
Decken in ausreichender Anzahl sind ein Muss…
Die Umgebung verändert auch unsere Samu-Aufgaben. Vor einem gemeldeten Starkregen müssen rund ums Dojo Gräben ausgehoben werden. Feuerholz für die diesjährigen kalten Abende wird gesammelt. Beim Einkauf werden Glasflaschen geholt, um improvisierte Wärmflaschen zum Mitnehmen in die Schlafzelte zu organisieren. Eine besonders Kaffee-fanatische Truppe sammelt sich jeden Morgen und Nachmittag vor dem Sanitärhaus, wo Wasserkocher oder E-Herdplatte an einer der wenigen Steckdosen hängen, um ihre Bialetti aufzuheizen. Beim Abwasch an der Wasserstelle außen geht das Abwasser direkt in die Natur, daher nutzen wir dort kein Spülmittel. Eine Maus freut sich dort zu jeder Tageszeit über kleine Essensreste und Springbrunnen. Ein Tierchen hat die Melonen in der im Berghang eingesetzten und mit Brandschutztür gesicherten Speisekammer attackiert. Ist es durch die mit Drahtzaun verschlossene Lüftungsluke gekommen? Wir gehen auf Jagd, aber es fühlt sich eher an wie Detektivarbeit. Der Siebenschläfer wird später auf frischer Tat ertappt, Godo Brigitte ruft laut über den Platz, "hier drin ist ein Tier”! Runde Augen beäugen uns, bis die gewünschte Flucht aus offener Tür erfolgt. Der Draht wird provisorisch verstärkt, bis der nächste Tatakt folgt… das Tierchen scheint sehr ausgeschlafen zu sein.
Austausch am Lagerfeuer: Der Pausentag vor dem eigentlichen Sesshin (= intensive Praxis-Periode über 2 ½ Tage) wird mit einer abendlichen Feier eingeläutet.
Unsere freie Zeit zwischen Zazen und Samu wird durch Gespräche an der Feuerstelle oder auf den Bänken vor der Feldküche, durch Waldspaziergänge und Waldmittagsmärsche, Anhimmeln von Schäferhunden, Schnitzarbeiten, Musizieren, Nickerchen in Hängematte oder Zelt, Tischtennisspielen und Bankyoga gefüllt. Mittags ist eine Wanderung ist im Angebot, die zwei marschbegeisterte und wanderkartenbewaffnete Zenies unternehmen. Später machen wir Yoga auf dem teppichausgelegten Dojo-Boden oder auf den Bänken am Lagerfeuer, um uns für das nächste Zazen zu wappnen. Tenzo ist schon wieder im Küchenzelt am werkeln und erfährt Hilfe.
Was ist trotzdem typisch Sesshin, was ist anders?
Morgens ertönt der Weckruf der Claquette durch den Wald, mal fern, mal nah. Wenn das Holz ertönt, kommen alle von der Feuerstelle, aus der Feldküche, vom Sanitärhaus, aus den Schlafzelten … von überall her zum Dojo. Wenn die Glocke dreimal schlägt, beginnt Zazen. Trommel, Mokugyo, großer Gong, Metall, sie alle ertönen wie gewohnt in den Rezitationen der Morgen- oder Abendzeremonie. Nur unsere Stimmen klingen dabei weiter, bis sie vom Wald um uns herum verschluckt werden. Die Vögel singen oft lautstark mit. Die Genmai ist morgens bereit, sie hat lange auf dem Gasherd geköchelt und war während des Morgen-Zazens in Decken verpackt. Wir essen schweigend. Im Anschluss folgt ein Morgen-Samu, das vor allem Hilfe beim Schnibbeln beinhaltet. Ein Vormittags-Zazen folgt, daraufhin das Mittagessen. Eine Mittagspause lädt zur Ruhe ein. Wir müssen hier besonders aufeinander achten, da alle Geräusche auf der Lichtung weit getragen werden. Nach erneutem Weckruf gibt es wie gewohnt ein Nachmittags-Samu, im Anschluss das Nachmittags-Zazen und das Abendessen. Nach dem Abend-Zazen finden sich die Ordinierten wie gewohnt zur Zeremonie des Gewandablegens im Gaitan zusammen.
Kinhin, mal mit Socken, mal ohne. Ein Malerteppich schützt unsere Füße vor Feuchtigkeit und Dreck.
Ausblick
Zuletzt wollen wir euch noch einen Ausblick auf das Waldcamp 2025 geben. Dieses wird zwei Wochen früher im Jahr, vom 24.05.-31.05.2025 stattfinden, wieder auf dem Platz bei Heigenbrücken im Spessart. Wir hoffen natürlich trotzdem auf mittsommerliche Wärme. Sobald wir Anmeldungen annehmen, melden wir uns hier auf unserer Webseite mit einem eigenen Eintrag, auf unserem Instagram-Kanal (@zen_ohne_bleibe) und in unserer Telegram Gruppe.
Gaki, der verfressene Siebenschläfer.
s.m. 17.11.24